Neulich brachte ich meinen Sohn in den Kindergarten. Er hat noch nicht das dritte Lebensjahr vollendet, ist aber schon voll und ganz dem Thema Automobil verschrieben. So ist die Fahrt zum Kindergarten in all ihrer Kürze ein so munteres wie lautstarkes Erraten von Autonamen und Gattungen, wobei in weniger als 10 Minuten Weg gut und gerne 100 Namen und Typen fallen.

Dieses stets freudige Erlebnis (welcher Vater würde sich je was anderes wünschen?) erinnerte mich daran, welchen Wert die Freiheit des Individualverkehrs für uns hat. Und man kann Freiheit philosophisch kaum denken, ohne die Existenzialisten wenigstens zu streifen. Denn der illustre Kreis um Sartre, Camus und Beauvoir veränderte im Paris der Nachkriegsjahre das Denken so fundamental, dass seine Auswirkungen noch heute spürbar sind. Beispiel gefällig? Der Superintellektuelle Sartre und die kaum weniger brillante Beauvoir lebten eine offene Beziehung. So offen, dass man sich gar Details der jeweils anderen Sexualpartner verriet. Obschon spätere Forschungen deutlich machten, wie sehr Beauvoir unter der Pluralität der Liebe litt, so machten Beide dennoch die offene Beziehung und alternative Beziehungsmodelle zur Ehe salonfähig. Doch bleiben wir bei der Freiheit, sonst ufert es aus.

Die Existenzialisten ersuchten das Durchbrechen gewohnter Denkmuster und Konventionen. Kirche, Ehe, monoton-hierarchische Angestelltenverhältnisse, Meinungen der Mitmenschen: Alles Hindernisse auf dem Weg zu Autonomie und Selbstentfaltung. Sartre brachte es auf die Spitze: Wir seien „Zur Freiheit verurteilt“. Niemand außer uns selbst ist für unser Leben verantwortlich, was uns die Bürde aufbrummt, auch wirklich was aus unserem Leben zu machen. Denn es ist wahrlich kurz, wir haben nicht viel Zeit, müssen uns umso schneller von allem befreien, was unserem Glück im Weg steht.

Warum ich das schreibe? Ich habe an diesem Morgen mit meinem Sohn die Freiheit gesehen. Oder zumindest einen kleinen Teil davon. Denn Freiheit ist zunächst nichts als die Möglichkeit, aus verschiedenen Handlungsoptionen ohne Druck von außen wählen zu können. Und ich sah Menschen, die genau dies getan hatten:

Ich sah Traktoren mit Wohnanhängern, die mit Schrittgeschwindigkeit der Urlaubsdestination entgegen schleichen. Ich sah Cabrios mit geöffnetem Dach und schallender Musik, nichts als dem Moment verpflichtet. Sah mit Blumen beklebte Kleinwagen, tief gelegte Volkswagen und mannshohe SUV, gesteuert von zierlichen Frauen, die das einzige Kind zur Schule zu bringen. Ich sah penibel gepflegte und verkommene Autos, schöne und hässliche, alte und neue.

All das sind Manifestationen der Individualität ihrer Besitzer. Ist es nicht so? Beim Thema Auto sind wir noch so gut wie frei. Zu kaufen, was wir wollen. Es zu gestalten, wie wir wollen. Zu fahren, wohin wir wollen. Wo sonst haben wir noch einen derartigen Gestaltungsraum, der nur uns gehört? Klar, es kostet was. Und es gibt Verkehrsregeln, an die man sich besser hält (vor allem in der Schweiz). Und doch kann sich hier ein jeder ganz nach seiner Façon entfalten, hat hier sein unantastbares Refugium der Separation, kann mit der Wahl seines Fahrzeugs und dessen Gestaltung seine Freiheit exakt so leben, wie er möchte. Wenn….nun ja, wenn er sich diese Freiheit eben nicht nehmen lässt. Wo wir wieder bei den Existenzialisten wären.

Was brauchen wir also, damit das auch in Zukunft so bleibt?

Zunächst Rücksicht. Der Stinker vor Ihnen, trotz Vollgas verdächtig langsam, ein 123er 200 D zum Beispiel, ist vielleicht der größte Schatz seines Besitzers. Oder das Erbstück seines Vaters. Er könnte nicht schneller, auch wenn er wollte. Lassen Sie ihm seine Freude, halten Sie etwas Abstand. Wahrscheinlich ist der Termin, zu dem sie so hetzen, weniger wichtig als sie glauben.

Und wir brauchen die Politik. Ja, das ist leider so. Ohne politische Rahmenbedingungen, die den bezahlbaren Unterhalt von Klassikern oder Youngtimern ermöglichen, kann die Szene nicht existieren.

Und damit auch keine Freiheit. Doch wenn uns die Zeit was gelehrt hat, dann ist es wohl, dass man besser nicht zu all viel auf die Politik baut. Also verlieren Sie am besten keine Zeit: In der DS nach Frankreich? Mit dem Alfa nach Italien? Oder im Porsche die Großglockner Hochalpenstraße?

Kurz vor dem vielleicht endgültigen Siegeszug der Elektrifizierung lassen sich all diese Träume, und auch bedeutend Kleinere, auch ohne großen Reichtum leben. Sie müssen es nur tun. Worauf warten Sie noch?

Herzlich grüßt

P. Busch